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Exoten, Kamikaze-Fahrer oder doch Geheimfavoriten?

Japans Inline-Alpin-Elite zu Gast bei den Weltmeisterschaften in Cham

  Laut schallt das charakteristische Geräusch der auf die Teerstraße aufschlagenden Kippstangen durch die Chamer Innenstadt. Dicht gedrängt steht das Publikum hinter der Absperrung und jubelt den Sportlern zu. Bei jedem Fahrer, der sich mutig durch den Stangenwald kämpft, geht ein Raunen durch die gespannte Menge. Doch am lautesten sind die Sprecher in der WM-Arena zu vernehmen, die diesmal nicht nur Läufer aus Deutschland, Tschechien, der Schweiz und Italien, sondern auch aus Ländern wie Japan und Indien ankündigen. Wer in der dritten Augustwoche die Weltmeisterschaften im Inline Alpin Sport vom Schulberg über die Schanze zum Flosshafen live mit verfolgte, konnte diese großartige Kulisse im Herzen von Cham hautnah miterleben. Die Sportart Inline Alpin befindet sich keineswegs mehr in den „Kinderschuhen“. Dies beweist auch die erstmalige Teilnahme von zusammen zehn Skatern der beiden am weitesten angereisten Mannschaften IAJC Japan (Inline Alpine Japan Comitee) unter Leitung des japanischen Meisters Takanobu Yoshihara und des Teams INSA Japan (Inline Ski Assosiaciation of Japan) bei einer europäischen Inline Alpin Großveranstaltung, weshalb Japan für ein noch „kleines Inline Alpin Land“ sehr stark vertreten war.


Bereits bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Unterensingen, bei der Sebastian Gruber (FC Chammünster) seinen ersten Weltmeister Titel errang, war Takanobu Yoshihara für Japan am Start und belegte einen soliden 34. Rang im Slalom. Damals, sagt der heute 26-Jährige, sei er jedoch noch in einem speziellen „japanischen Stil“ gefahren, was bedeutet, dass er zwischen den Slalomtoren viel gelaufen ist und sehr unruhig im Oberkörper war. Zu viele Bewegungen wirken sich aber negativ auf die Geschwindigkeit aus. Deshalb hätten er und seine Mannschaft sich in den letzten beiden Jahren der europäischen Fahrweise angepasst. Um sich ausgiebig auf die Wettbewerbe in Cham vorbereiten zu können, trainierten sie samstags und sonntags Inline Slalom und während der Woche Speed Skating. Aufgrund der intensiven Übungseinheiten hofft das Team nun auf eine Platzierung unter den Top 20. Takanobu Yoshihara, von vielen nur Taka genannt, dagegen sagt vor der WM, er wäre schon mit Rang 30 zufrieden.

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Der japanische Meister Takanobu Yoshihara mit seinen vier Teamkollegen Soichiro
Furuta , Hideaki Takahashi, Yuka Omata und Atsushi Ozaki beim Stadtbummel in
Cham (von links nach rechts).


      
Die siebenköpfige Mannschaft des Japan National Teams des IAJC bestehend aus Takas Vater, seiner Frau und fünf weiteren jungen Sportlern, wie der sechzehnjährigen japanischen Meisterin im Inline Slalom Yuka Omata, reiste schon eine Woche vor Beginn der WM nach Deutschland. Als sie nach ihrem Flug über Moskau in München gelandet waren, folgte zuerst ein Tag in der bayerischen Landeshauptstadt, bevor sie mit einem Mietwagen nach Cham fuhren. Dort angekommen begannen am Wochenende vor der WM die ersten Trainingseinheiten in Untertraubenbach und Siedling, auf Strecken, auf denen normalerweise die Sportler des FC Chammünster Ski & Inline Teams ihre Slalom Kurse abstecken. Doch im Vorfeld der WM wurden dort Trainings speziell für die internationalen Gäste organisiert. Dies war unbedingt notwendig, um vermeintlich schwächere Fahrer an die Steilheit der WM Strecke in Cham zu gewöhnen und um auf solch unvertraut steilem Gelände erste Erfahrungen zu sammeln. Denn nicht nur der Organisator FC Chammünster befürchtete, dass manche ausländischen Gäste solch schwierigem Terrain nicht gewachsen sein würden.


       Aber nicht nur im Inline Alpin Sport treffen sich zu den Weltmeisterschaften die eher kleineren Sportnationen mit den großen Titelfavoriten und versuchen für Überraschungen zu sorgen, auch beim großen Vorbild dem Ski Alpin gelingt es so manchem Exoten, sich für große Titelkämpfe zu qualifizieren. So auch 2011 bei der WM in Garmisch-Partenkirchen, bei der sich der 47-jährige Jean Pierre Roy aus Haiti die berüchtigte Kandahar im Slalom und Riesenslalom hinabstürzte. Diese Leute treten nicht der Medaillen wegen an, sie machen es aus Liebe zum Sport oder weil sie etwas bewirken möchten. Jean Pierre Roy zum Beispiel wollte auf sein 2010 durch ein Erdbeben zerstörtes Heimatland aufmerksam machen und zeigte der Öffentlichkeit durch seine Teilnahme an der Ski WM, dass dort immer noch Hilfe benötigt wurde. Andere wie der wohl berühmteste Außenseiter, der Skispringer Michael Edwards besser bekannt als „Eddie the eagle“, brachten es mit ihrem Exoten-Dasein zu fast legendärem Ruhm und wurden zu kurzweiligen Werbeikonen.

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Eine gute Position auf den Skates stellt nicht nur das älteste Mitglied des Japan
National Teams Hideaki Takahashi beim Training in Untertraubenbach unter
Beweis!


       Doch ganz anders beim Inline Alpin! Die zuvor sogar von Experten als krasse Außenseiter eingeschätzten Japaner beweisen durchaus einiges Können auf ihren acht Rollen und beeindrucken bereits im Training mit guter Technik. Takanobu Yoshihara begründet die Verbesserung seiner Mannschaft damit, dass er mit seinen Mitstreitern die Fahrweise vor allem der deutschen Läufer analysiert und versucht habe diese mit seiner Mannschaft einzuüben. Deshalb gelang es ihm und der ebenfalls in Cham startenden Yuka Omata, sich gegen die japanische Konkurrenz durchzusetzen, und sich die Landesmeistertitel zu sichern. Ähnlich wie in Deutschland hat sich in Japan der Inline Alpin Sport vor allem aus dem alpinen Skilauf entwickelt. Jedoch gibt es auch so manchen Läufer, der durch das Speed Skating zum Inline Slalom gefunden hat. Takanobu Yoshihara wurde vor etwa zehn Jahren durch seine Freunde vom Wintersport darauf aufmerksam, die ihn im Sommer 2002 einfach zu einem ihrer ersten Trainings mitnahmen. Er war sofort vom „Stangenfahren auf der Teerstraße“ begeistert und übte diese neue Sportart wie so viele, egal ob in Japan oder Deutschland, zuerst als Sommertraining für das Skifahren aus; denn gute Wintersportler werden ja bekanntlich im Sommer gemacht. Doch schnell zeigte sich auch im „Land der aufgehenden Sonne“ das große Potential des Inline Alpin Sports, sodass auch dort heute regelmäßig Rennen mit bis zu 150 Teilnehmern stattfinden können.

       „Genki de!“ – „Viel Glück!“ hört man Takas Vater und gleichzeitig Betreuer des Japan National Teams seinen Sportlern wünschen. Jetzt gilt es! Beim Finale des Internationalen Inline Cups am Mittwoch, dem letzten Tag vor der WM, müssen sich die Außenseiternationen für den Parallelslalom am Donnerstag qualifizieren. Bei den Herren gelingt das Takanobu Yoshihara und seinem Freund Atsushi Ozaki; bei den Damen erfüllt allerdings nur Yuka Omata diese Voraussetzung (alle drei Japan National Team IAJC). Die Sportler des zweiten japanischen Teams, der INSA, fahren aber insgesamt zu langsame Zeiten, um beim spektakulären Parallelslalom Mann gegen Mann an den Start gehen zu dürfen.


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Atsushi Ozaki stürzt leider bereits in seinem ersten Parallelslalom
Duell gegen Jörg Bertsch.


       Als es am Donnerstag dann endlich soweit ist und die Weltmeisterschaften mit dem Parallelslalom beginnen, wandelt sich die große Vorfreude in Takas Mannschaft schnell in gebanntes Bangen: starke Regenfälle zwingen die Veranstalter den Start immer wieder zu verschieben. Die routinierteren Rennläufer können dabei sicher die Konzentration aufrechterhalten, doch bei den japanischen Startern, für die in Cham vieles neu ist, breitet sich eine gewisse Nervosität aus. Trotz der lautstarken Unterstützung durch das Publikum und das restliche Team, schafft es die junge japanische Meisterin Yuka Omata deshalb nicht über die Vorrunde hinaus und scheidet bereits im ersten Duell aus. Bei den Herren fordert dann die immer noch nasse Straße ihre Opfer: Atsushi Ozaki rutscht aus und kracht vor den aufschreienden Zuschauern spektakulär in die Absperrung. Nicht viel besser läuft es bei Taka: er behauptet sich im ersten Duell, nur um dann wegen eines Torfehlers im Achtelfinale auszuscheiden. Trotzdem zeigt sich Taka zufrieden, denn mit der Qualifikation für den Parallelslalom haben die Japaner ihr erstes Ziel erreicht.

       Obwohl dieses Mal keine Qualifikation im Voraus nötig war, haben die beiden japanischen Mannschaften beim Teamwettbewerb am Freitag ein großes Problem: Sie waren mit nur einer Frau angereist! Weil aber nach dem Reglement ein Team aus zwei Damen und zwei Herren bestehen muss, können sie nicht gemeinsam als Team Japan an den Start gehen und müssen sich deshalb anderen Fahrern gemischter Nationen anschließen. Unglücklicherweise können auch dadurch keine besseren Ergebnisse erzielt werden. Takanobus relativ gute Zeit verhilft nach einem weiteren Sturz Atsushi Ozakis, bei dem er sich eine Schürfwunde im Gesicht zuzieht, nicht zu einer besseren Platzierung.

       Inzwischen hat sich die japanische Delegation in Cham schon gut eingelebt. Obwohl in den ersten Tagen nach der Ankunft in der bayerischen Landeshauptstadt München noch das wohl vertraute Essen bei so manchem asiatischen Restaurant auf der Tagesordnung stand, verkosten die Sportler nun auch typisch bayerische Schmankerl, die zum Teil sogar großen Zuspruch finden. Beim Stadtbummel durch die Chamer Innenstadt, erkunden sie den Marktplatz und besuchen das Rathaus. Dem in Deutschland geläufigen Vorurteil des fotografierenden japanischen Touristen entsprechend wird dabei alles mit der Digitalkamera festgehalten. Nach den Rennveranstaltungen feiern die Japaner mit den Chamern und allen anderen Sportlern zünftig in der WM Arena und genießen die ausgelassene Atmosphäre.

                Der Samstag bringt endlich ein vorläufiges Ende der Pechsträhne für Takanobu und seine Mitstreiter mit sich. Beim vorletzten Wettbewerb dem Riesenslalom, der dem alpinen Skisport am ähnlichsten ist, beginnt sich das harte Training vor der WM auszuzahlen. Mit nur 1,5 Sekunden Rückstand im ersten Durchgang hat sich der 26-jährige Japaner eine gute Ausgangsposition erkämpft. Bedauerlicherweise kann er seine Platzierung nicht gegen die starke Konkurrenz vor allem aus Deutschland verteidigen und fällt im zweiten Lauf auf Rang 23 zurück. Damit erfüllt er zwar sein zuvor gesetztes Ziel: die Top 30; trotzdem ärgert er sich, denn es wäre für Takanobu diesmal mehr drin gewesen! Atsushi Ozaki (IAJC) und Hiroshi Yamakawa (INSA) runden mit ihren 44. Und 46. Plätzen das zufriedenstellende Ergebnis ab.

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Derinsgesamt beste Japaner
in Cham: Takanobu Yoshihara

                Der letzte und für Taka und seine Freunde zugleich der wichtigste Tag ist mit dem Sonntag erreicht, denn in der Königsdisziplin, dem Slalom hatten sie sich ihre größten Chancen ausgerechnet. Doch bei heißen 31°C ist es schwer, die Konzentration aufrecht zu erhalten, wenn die Anspannung steigt. Aber Takanobu kann mit seiner ersten Fahrt abermals eine gute Zeit setzen. Im zweiten Durchgang will der Student dann zu viel: Er unterschätzt den warm und damit auch rutschig gewordenen Asphalt. Als er nach der Zwischenzeit in den steilen Zielhang einbiegt, verpasst Taka ein Tor und muss, um nicht disqualifiziert zu werden, unter lautstarken Anfeuerungsrufen zurücksteigen. Somit kann er die Woche in Cham nur auf einem für ihn enttäuschenden 48. Rang abschließen. Auch für die anderen Japaner setzt sich die Pechsträhne der ersten beiden Tage fort und es bleibt bei einem 38. Platz für Hideki Okumura. Yuka Omata, Atsushi Ozaki und die sechs anderen können sich leider erst gar nicht für den zweiten Durchgang qualifizieren. Team Japan INSA und das Japan National Team IAJC müssen sich also erneut geschlagen geben. Allerdings nicht den favorisierten deutschen Startern, sondern dem lettischen Ski Weltcup Läufer Kristaps Zvejnieks, der die deutsche Medaillenserie letzten Endes durchbrach.

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Auch Soichiro Furuta nimmt
im Slalom leider eine Bodenprobe!

       Insgesamt fliegen die beiden japanischen Mannschaften zwar nicht ganz zufrieden mit ihren Ergebnissen aber mit vielen neuen Erfahrungen zurück in ihr Heimatland und bemühen sich dort den Inline Alpin Sport weiter voranzubringen. Nächste Saison wollen sie wieder an Weltcup Rennen in Europa teilnehmen und sich bis dahin weiter verbessern. Takanobus Traum, die Inline Alpin Weltmeisterschaften 2014 nach Nagano, der Stadt der Olympischen Winterspiele von 1998, zu holen, kann hingegen vom Welt Inline Alpin Komitee (WIAC) nicht erfüllt werden. Infolgedessen gibt der FC Chammünster bei der WM Abschlussfeier die Flagge der WIAC an die TG Tuttlingen weiter, Takas Team, so verspricht er, wird dort noch stärker vertreten sein und wird erneut versuchen die Deutschen vom Inline Alpin Thron zu stoßen.